"Herr Müller, kommen Sie heute nicht zum Abitur?"

Denkweisen ändern mit Priming und Selbst-Brainwashing

Gemütlich Frühstücken

Es war ungefähr halb neun Uhr morgens. Ich machte mich gerade über meine Schüssel mit Kellogs Crunchy Nut her, hatte gerade die Milch eingegossen. Das Telefon klingelte, mein Vater ging hin. Ich liess mich nicht stören und löffelte genüsslich mein Müsli. Dann kam mein Vater rein und meinte: "Thomas, es ist für Dich. Ein Herr Keller ist dran".

Schriftliche Abiturprüfung: fängt übrigens schon um acht Uhr früh an

Ich konnte den Namen null zuordnen. Und wer sollte so früh auch schon was von mir wollen? Ich nahm den Hörer in die Hand und meldete mich. Eine Stimme sagte: "Herr Müller, guten morgen, hier spricht Ihr Kollegstufenbetreuer Keller vom Luitpold-Gymnasium. Kommen Sie heute nicht zum Abitur?"
Bähm! Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Ja, stimmt, heute war schrifltiche Abiturprüfung in meinem Hauptfach "Wirtschafts- und Rechtslehre" (heißt das heute immer noch so?), und ich war relativ entspannt, denn: was soll man da schon groß lernen? Zudem war es sowieso mein Lieblingsfach und ich hatte gut aufgepasst, fühlte mich gut vorbereitet. Für den Start um neun Uhr. Das fragte ich Herrn Keller, ob die Prüfung nicht erst um 9 beginnt? Nein, meinte er, um acht, am besten Sie kommen jetzt, meinte er.

Was für eine Aktion!

Das kann doch nicht wahr sein! Sowas kann doch nur mir passieren (kann es das?)! So ein Fauxpas! Wie peinlich ist das denn? Doch interessanterweise geriet ich nicht in Panik. Ich habe keine Ahnung warum nicht. Eine Stunde weniger Zeit in der Abiturprüfung ist richtig kacke! Doch ich nahm noch ein paar Löffel meines Frühstücks, dann fuhr ich los. Und war sogar ein paar Minuten kurz vor neun da :-) Wenn ich die Geschichte heute aufschreibe kann ich nur noch den Kopf schütteln. Aber ich bewundere meine Einstellung :-) Das passt aber zu meinem damaligen "Mindset", meiner grundsätzlichen Einstellung daß mich irgendwie nichts erschüttern konnte. Lebte ich in einer Traumwelt? Auf jeden Fall! War mir das bewusst? Auf keinen Fall. Bei Steve Jobs nannte man diese verzerrte Wahrnehmung der Realität ja "reality distortion field". Nur konnte Jobs im Gegensatz zu mir seine Umwelt davon überzeugen :-) Wie ich aus meinem Traum rausgerissen wurde habe ich ja bereits beschrieben.

Mindset: Denkweisen sind wie Trampelpfade

Aber ja, es lag an meiner absoluten Überzeugung daß sowieso immer alles gut wird und alles irgendwie klappt. Deshalb war ich auch ein so guter Verkäufer. Ich war begeistert von dem was ich verkauft habe (von Spickzettel über Software bis hin zu Messestände), und diese Begeisterung hat sich auf meine Kunden übertragen. Oder wer auch immer gerade meine Zielgruppe war *g*. Durch mein "Aufwachen" war das alles auf einmal weg. Und erst langsam schaffe ich es diesen alten Persönlichkeitszug von mir wieder auszugraben und zu dem Menschen zu werden der ich wirklich bin. Dieser Blog und das Aufschreiben meiner Geschichten hilft mir dabei. Und Danke daß Du mitliest!
Nochmal zum "Mindset". Ich verstehe darunter die Summe von Denkweisen die man besitzt bzw. sich angeeignet hat - oder die einem angeeignet wurde, angeblich sind die ersten drei Lebensjahre sehr prägend. Und diese Denkweisen sind wie "Trampelpfade" in der "Gehirn-Landschaft", Deiner Landschaft die alle tatsächlich möglichen Denkweisen beinhaltet, aber man benutzt nur immer einen Teil davon. Und diesen dafür immer öfter, so werden aus Pfaden eben Trampelpfade. Ist das gut oder schlecht? Gut im Sinne des Sprichwortes "es gibt nichts Praktischeres als eine gute Angewohnheit". Was bedeutet: "nützliche" Trampelpfade sind super, wie z.B. meine damalige Denkweise "ich schaffe alles" (oder wie mein Mentaltrainer immer meinte "ois easy"). Aber: es gibt auch eingeübte Denkweisen die suboptimal für das eigene Leben sind, wie z.B. "das schaffe ich nie!" oder "davor habe ich Angst, das lasse ich lieber." Je öfter man an sowas denkt desto mehr brennt sich das ein, desto breiter und tiefer wird der "Gedanken-Trampelpfad". Und desto geringer die Chance daß man aus diesem Pfad wieder rauskommt. Denn die sich-selbst-erfüllende Prophezeihung gibt es wirklich. Nun existiert genügend Literatur über das Thema Gewohnheiten/Denkweisen und wie man diese so ändert daß die Änderungen auch bestehen bleiben - angeblich 30 Tage hintereinander die neue Herangehensweise einüben dann bleibt's. Ich habe mich mit einer Art "Selbst-Brainwashing" ja an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen. Deshalb weiß ich: es funktioniert. Und ich glaube daß ich mein Vertrauen in mich selbst viel schneller wiedergewonnen hätte wenn ich diese Techniken mehr benutzt hätte. An meiner Schreibtisch-Wand habe ich seit kurzem z.B. kleine Notizzettel hängen welche ich nur noch unbewußt anschaue (wie z.B. "arbeiten im Flow") aber welche trotzdem mein Unterbewußtsein beeinflussen. Diese Technik nennt man "Priming" und der viel-zitierte US-personal-development-Papst Steve Pavlina hat dazu einen guten Artikel geschrieben. Und wenn ich mir die letzten Jahre meines Lebens so anschaue haben mir die diversen Aktivitäten in meiner persönlichen Entwicklung sehr geholfen. Wenn ich alte Tagebücher lese verstehe ich mich oft selbst nicht mehr - und freue mich umso mehr daß es heute immer besser läuft, jeden Tag ein kleines bischen.
Ach ja, in der Abiturprüfung habe ich 12 Punkte bekommen (also Note 2+). Wäre doch ärgerlich gewesen wenn ich mehr Zeit investiert hätte, oder? ;-)