Wie ich ein Mann wurde

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Ich hatte doch Frauen ...

in meinem Leben: Immer mal wieder eine Freundin, ab und zu eine Liebelei - warum war ich also unzufrieden? Und warum hatte ich das Gefühl daß meine Beziehungen immer kürzer wurden? Es wäre mir lieber gewesen wenn ich "den Frauen" dafür die Schuld geben hätte können. Doch so ehrlich konnte ich schon damals zu mir sein, daß das irgendwas mit mir zu tun haben muß. Aber wo ist mein Problem? Irgendwie war ich ganz und gar nicht happy mit meiner Situation als Single. Aber eine Freundin wollte ich auch nicht. Daß es vielleicht damit zu tun haben könnte daß ich das Gefühl hatte daß immer die Frauen mich ausgesucht hatten statt ich die Frauen ... hmmm ... daß es etwas mit Macht zu tun hatte, darauf kam ich erst viel später. Aber erst einmal der Reihe nach.

So kriegt man jede Frau ins Bett

Ich war also unhappy. Und frag' mich bitte nicht mehr wie ich auf dieses Buch gestossen bin. Ich glaube über ein Internet-Forum. Aber auf einmal bin ich über ein "Verführungsbuch" aus den USA gestolpert. Es heißt "die perfekte Masche" und zeigt wie man "jede Frau ins Bett kriegt". Was soll ich sagen: Ich habe es verschlungen. Die Geschichten da drin waren auch einfach zu gut. Ich habe gelacht und gestaunt und war mir sicher: genau das will ich auch! Mein Wunschberuf und meine Berufung waren auf einmal glasklar und sonnenklar: Ich möchte Profi-Aufreisser werden! Endlich entscheide ich mal wie und wo es langgeht, und dieses Buch sollte mir das nötige Know-How vermitteln. Zusätzliche Tipps und Informationen versprach das Internet in der sogenannten "Pickup-Community" (frei übersetzt: Aufreisser-Community). Was man da lernt? Wie man mit verschiedenen Methoden, Strategien und Tricks Frauen ins Bett bekommt (angeblich). Warum war ich von dieser Idee so fasziniert? Ganz einfach (und das ist mir erst später klar geworden): damit konnte ich Macht in diesem Spiel zurückgewinnen. Endlich mehr in meine eigene Waagschale werfen! Endlich nicht mehr reagieren sondern agieren. Genial!

Auf geht's ins Nachtleben

Ich habe also versucht mir möglichst viele "Opener" (vorgefertigte Sätze zum Ansprechen) zu merken und was ich wie tun oder lassen sollte. Mensch gibt es da viel Zeug! Aber probieren geht über studieren hat meine Oma immer gesagt, also bin ich losgezogen. Und habe Mädels angequatscht. Zum Teil wildfremde, zum Teil kannte ich die schon. Das Interessante war: immer wenn ich mit meinen Texten angefangen habe schauten die mich an wie ein Auto! Komischerweise war keine hin-und-weg von meinen Sprüchen. Sondern ich wurde nur verständnislos angestarrt! Komisch ... im nachhinein ist mir das natürlich schon klar, daß künstlich vorgetragene Sprüche bei einer Frau (jedem Menschen) ziemlich sicher etwas creepy rüberkommen. Wie wenn ein Automat vor einem steht und Worte ausspuckt. Auf jeden Fall war das nicht der richtige Weg. Was also tun?

"Benutz Deine Kraft"

Einen für mich unendlich wichtigen Hinweis hat mir mein damaliger Salsalehrer gegeben. Das muß ich ihm jetzt endlich mal sagen! Ich war öfter mal bei der Salsatanzschnupperstunde, oft mit einer Bekannten. Und ich schwöre: ich hatte immer nur die dominanten Tanzpartnerinnen! Es war zum Kotzen! Die wollten immer führen! Ich fühlte mich einfach nur megascheisse. "Was soll ich tun?" frage ich verzweifelt. Und der Tanzlehrer sagte: "Benutz Deine Kraft". Und ich verstand gott-sei-dank in diesem Moment dass er das wortwörtlich meinte: Ich sollte meine körperliche Kraft benutzen. Und das habe ich: ich habe einfach meine Muskeln im Arm angespannt und versucht eine "Haltung" herzustellen. Und zack: auf einmal liessen sich die Mädels führen! Wie Butter in der Sonne schmelzten sie in meinen Armen dahin! Okay, ich gebe zu das war jetzt etwas übertrieben, vielleicht muß ich da mal ein Gedicht schreiben ;-) Aber auf einmal war der Knoten geplatzt! Sobald meine jeweilige Tanzpartnerin gespürt hat daß ich sie tatsächlich auch *führe* liess' sie los und ich konnte meinen Job machen. Das war ein grandioser Durchbruch für mich persönlich. Salsa war also schonmal kein Problem mehr ...

"Wer Probleme mit Frauen hat, hat Probleme mit sich selbst"

Orlando Owen haute mir dann die Wahrheit um die Ohren. Folgender war einer seiner Sätze, die er z.B. in seinen Podcasts von sich gibt. Und er fragt provozierend: "Wer gibt Dir das Recht, Deine Macht als Mann abzugeben?". Das war der Schlüsselsatz! Genau das war es! Ich fühlte mich machtlos! Und ich hatte versucht (früher mit Geld - das war ja leider weg) mit Manipulationen und Tricks mein Ohnmachtsgefühl zu kaschieren. Doch dieses Gefühl konnte ich nicht überspielen. Und auch wenn ich abends beim Ausgehen die gelernten Sprüche losließ fühlte sich das nie wirklich gut an. Sondern mechanisch. Ja, ich hatte Probleme mit mir selbst. Ich fühlte mich machtlos. Und die Ursache war so einfach wie erschreckend: Ich fühlte mich nicht als Mann. Ich fühlte keine männliche Macht. Ich ruhte nicht in mir und blieb eben nicht cool in allen Situationen wie mein großes Vorbild, James Bond. Ehrlich gesagt fühlte ich gar nichts. Ich schrieb an Orlando eine E-Mail. Orlando, wie lernt man fühlen? Ich bekam keine Antwort.

Orlando, wie lernt man fühlen?

Ich bin überzeugt davon daß wir sehr viele Konditionierungen in der Kindheit erfahren. Und die Folgen schleppen wir fast immer noch als Erwachsener mit uns herum. Warum war ich zum Beispiel immer so nett? Und warum wollte ich immer anderen Menschen helfen? Und warum fühlte ich mich verdammt nochmal nicht als Mann? Für meine Generation Männer die fast ausschliesslich von Frauen erzogen wurde (von wem soll ich da lernen meine natürliche Männlichkeit zu leben und zu fühlen?) gibt und gab es kaum männliche Rollenvorbilder. Also orientierten wir uns an der "Frauenwelt". Und ab und zu ein James Bond Kinofilm reicht offensichtlich nicht ... Kein Wunder daß ich nicht gelernt habe "ein Mann zu sein". Und ich hatte sogar Angst vor Frauen. Wohl auch deshalb habe ich mal einen Pecha-Kucha-Vortrag gehalten mit dem Titel "Warum Männer Angst vor Frauen haben". Ich hatte Angst vor der weiblichen Macht, weil ich ihr schon immer seit ich denken kann ausgeliefert und unterlegen war. Seit meiner Erziehung sozusagen. Aber hier war er, der Silberstreif am Horizont! Das kleine Licht das auf einmal leuchtete. Da gab es irgendwas, und ich wußte sofort: da muß ich hin! Und deshalb war ich auch von dem Aufreisserbuch so begeistert! Denn den weiblichen "Manipulationsmethoden" setzte der Autor seine eigenen Taktiken und Strategien entgegen. Und hatte damit auf einmal mehr "Macht". Doch Orlando spricht von etwas anderem. Von einer inneren Stärke auf die man sich als Mann verlassen kann. Sich als Mann stark und mächtig zu fühlen, einfach weil man ein Mann ist. Und damit übrigens automatisch Frauen anzieht. Mein Verstand ahnte etwas. Mein Herz hatte nun einen Wunsch. Aber wie wird man denn nun ein Mann?!

Ein Mann ist wer sich als Mann fühlt

Verdammt! Ich mußte zweiundvierzig Jahre alt werden um diesen Satz hinschreiben zu können. Denn so einfach ist das. Und gleichzeitig so schwer. Naja, sagen wir vielleicht besser: so zeitintensiv kann es werden. Problem: Wir Männer fühlen nichts. Ganz ganz oft. Ich fühlte nichts. Naja, natürlich fühlen wir etwas, aber nicht alle Gefühle lassen wir zu. Und ganz viel wird weggedrückt, runtergeschluckt, ignoriert, betäubt. Weil wir Männer uns immer nur gut fühlen wollen. Und wenn etwas "Negatives" hochkommt wie Wut, Trauer, Schmerz, Ohnmacht dann wollen wir das schnell weghaben. Ich glaube Frauen sind da anders, die können auch "schlechte" Gefühle leichter zulassen. Aber egal, hier geht es ja ums Mannwerden. Also was macht ein echter Mann mit seinen (auch negativen) Gefühlen? Einfache Antwort: er lässt sie zu. Lässt sie also einfach da sein. Und dieser Satz ist so wichtig, und ich habe ihn lange Zeit nicht kapiert. "Da sein lassen" bedeutet einfach: nicht reagieren, nichts dagegen unternehmen. Deshalb muß ein Mann noch lange nicht darüber reden. Aber diese Gefühle dürfen da sein. Zum Beispiel sitzt bei mir die Angst in der rechten Schulter. Ja, hört sich vielleicht unglaublich an, aber das ist wahr: wenn ich Angst bekomme dann verkrampft sich genau ein bestimmter Muskel zwischen Hals und rechter Schulter. Dann weiß ich: es ist wieder soweit. Was habe ich früher gemacht? Mich abgelenkt. Und jetzt: versuche ich erst einmal auszuatmen und dieses Gefühl da sein zu lassen. Nicht gleich wieder aktiv werden und wie wild davon laufen: sondern da sein lassen. Und schliesslich konzentriere ich mich nur noch darauf - und versuche die Angst so groß wie möglich werden zu lassen. Und jetzt kommt das Witzige: über eine gewisse Größe kann sie nicht hinauswachsen. Niemals. Sie ist beschränkt. Mehr geht nicht. Und sobald ich das gemerkt habe spürte ich auch daß sie mich nicht "töten" kann. In dem Sinne daß sie nicht stärker ist als ich. Daß ich weiterlebe sozusagen. Und nach und nach verfliegt sie dann. Wie Wolken welche der Wind weiterweht... Dieses "Nicht-Reagieren" sehe ich übrigens ständig in meinen Lieblings-James-Bond-Filmen: Um 007 herum kann es krachen, explodieren, schreien, alles egal: er bleibt in seiner Mitte, innerer Ruhe, ihn kann nichts aus dem Gleichgewicht bringen (wie ein Zen-Mönch?!) - schon gar nicht diese kleine Schulterangst :-)

Und was ist mit dem ganzen Zeug wie Autos, Job, Geld & Co?

Ja, das hatte ich alles, in ausreichender Menge, früher. Und verdammt, war das scheisse wie das alles weg war! Wer war ich denn nun? "Ein Mann ohne Geld ist wie ein Wolf ohne Zähne" sagt ein chinesisches Sprichwort. Und wie sollte ich Frauen zu einem Drink einladen? Wie sollte ich überhaupt ausgehen können ohne Geld? Ich wurde von meinem Leben auf "auf Anfang" gestellt. Ich mußte erstmal mit mir selbst klarkommen, die ganze Ablenkung, die ganzen Krücken, das war alles weg. Und warum sollte mich eine Frau mögen? Einfach so? Gut, das mit dem Drink kann auch andersrum gehen. Ich empfehle das "5-Fragen-Spiel" um von einer Frau in einer Bar zu einem Glas eingeladen zu werden :-) Aber ansonsten: Wenn ich sonst nichts mehr habe womit sich Männer oft schmücken, nein, besser gesagt, worüber sich ein Mann oft definiert - was bleibt dann? Die logische Frage die sich mir stellte: Was ist ein Mann? Da ich bisher keine passenden Vorbilder gefunden hatte (mein Vater starb 2001, meine Opas verstarben als ich noch ein Kleinkind war, Freunde und Bekannte taugten nicht als Mentoren oder gar Initiatoren), mußte ich mich selbst fragen und das selbst für mich definieren: Wie will ich als Mann sein?

How to be a man

Geholfen hat mir auch ein Artikel des "Persönlichkeitsentwicklungs-Gurus" Steve Pavlina aus den USA. In "how to be a man" schlägt er zehn Grundregeln vor wie man sich als Mann verhalten kann, indem man a) fühlt und b) auch seine Männlichkeit zeigt/behält/fühlt. Denn in den ersten Monaten als ich in Elternzeit war und den ganzen Tag ausschliesslich mit meinem kleinen Sohn verbrachte, meine Frau das Geld verdiente und ich sonst "nichts" tat hatte ich enorme Probleme mit mir selbst! Wieviel bin ich wert? Ich bin ja nur bei dem Kleinen daheim! Erst mit der Zeit habe ich zum einen gemerkt wieviel Energie mich diese Begleitung kostet und dann auch wie wertvoll diese "Arbeit" ist. Heute bin ich überzeugt daß es keinen größeren Dienst an der Gesellschaft gibt als liebevoll und geduldig Kinder großzuziehen. Und als ich meinen kleinen Sohn als meinen Lehrmeister gesehen habe lernte ich auch noch total viel! Ich habe mal gehört daß Kinder einen erden - und das stimmt wirklich.

Doch das Entscheidende lag in meinem Unterbewusstsein

Doch man kann viel lesen, jahrelang irgendwas probieren, macht vielleicht den gleichen Fehler immer wieder und weiß nicht warum - wenn das Problem "tiefer" liegt. Und bei mir lag es verdammt tief :-) Doch Gott sei Dank hat mich meine Mutter (gerade die!) davon überzeugt (dafür werde ich ihr immer immer mega-dankbar sein!!) mit ihr zur Familienaufstellung zu gehen. Und ein Familienstellen-Wochenende geleitet von dem genialen Konrad Pinegger war dann mein Durchbruch. Niemals hätte ich auch nur zu träumen gewagt was das Auflösen von "unbewussten Handbremsen" bewirken kann - in diesem Fall war es eine Verstrickung unserer Eltern-Kind-Beziehung. Ich weiß noch wie ich am folgenden Montag spätnachmittag meine Mutter angerufen habe um mich zu bedanken. Und diesen einen Satz gesagt habe: "Zum ersten mal in meinem Leben fühle ich mich als Mann." Es war ein unglaubliches Freiheitsgefühl, welches ich bis dato noch nicht erlebt hatte! Auf einmal war alles so leicht. Ich fühlte mich phantastisch! Mein neues, nächstes Leben hatte begonnen...

Freiheit

Einige Tage später war ich mit einer Freundin abends unterwegs. Die kannte ich schon länger, wir waren Freunde (können Männer und Frauen überhaupt Freunde sein? Hmm, das könnte ein Artikel werden *g*). Und ich sagte zu ihr, im Affekt, ohne groß nachzudenken wie das bei ihr ankommen könnte: "Du Monika, ich sehe Dich das erste Mal als Frau". Bäng! Was für ein krasser Satz! Sie schaute sichtlich erschrocken. Aber ich meinte das wirklich so wie ich es gesagt habe. Und ich glaube daß ich bis dato keine Frau so richtig als Frau gesehen habe. Oder vielleicht besser gesagt: als Frau wahrgenommen ("erfühlt"?) habe. Klaro, weil ich mich ja auch nicht als Mann gespürt/wahrgenommen hatte. Aber da war sie, diese Polarität, und auch diese Anziehungskraft, von der ich schon so oft gelesen hatte. Das war alles sehr neu für mich und irritierend - aber auch gleichzeitig wunderbar, weil ich das eben alles *gefühlt* habe und nicht nur auf einer Verstandesebene erfasst hatte.

Happy End?

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Ich war auf einmal glücklich mit mir selbst. Total zufrieden. Brauchte nichts und niemanden mehr, habe zwei Jahre lang fast nichts mehr gearbeitet, viel Sport gemacht, viel gelesen, und wenn's ging mit meinen Nachbarn gegrillt. Habe meine Traumfrau kennengelernt und kurze Zeit später mit ihr ein Baby bekommen. Und das Tolle ist: Ich muß nicht mehr weglaufen, weil ich mich in einer Beziehung nicht mehr eingesperrt fühle. Ich kann da bleiben und das Alles geniessen - und meine Freiheit, die habe ich immer in mir drin.